Vom Austauschjahr ins Home-Schooling

Ein Interview mit Pascale Hilber

Während wir nur aus unserem Schulhaus in die eigenen vier Wände geschickt wurden, kam Pascale Hilber von weiter her zurück in die Quarantäne. Im Interview spricht sie über ihren Austausch in Pella, Iowa, der durch die Coronakrise ein jähes Ende nahm.

Es war Sommer 2019 als du dich aus der zweiten Klasse in deinen Austausch verabschiedet hast. Was war dein erster Eindruck als du in DesMoines, Iowa, gelandet bist?

Ich bin gelandet und meine Gastfamilie hat mich abgeholt. Es war ein bisschen speziell, da ich nicht wusste ob ich sie umarmen sollte oder nicht. Aber sie waren total offen und haben mich sehr herzlich in Empfang genommen. Nach etwa einer Stunde Fahrt sind wir dann bei ihrem zu Hause angekommen. Es hat mich erstaunt wie flach alles war, da wirklich einfach nichts zwischendurch. Das war krass, es gab nur diese „Cornfields“ überall.



Man sagt über die USA dass die Distanzen sehr viel grösser sind als hier, wie hast du das erlebt, hast du weit weg gewohnt von allem?

Ich habe im Zentrum von Pella gewohnt, es war eine Kleinstadt mit nur etwa 10’000 Einwohnern. Die Distanzen hat man vor allem beim Einkaufen gemerkt, ohne Auto geht gar nichts. Die nächste Stadt war etwa 20 Minuten entfernt, dass heisst, ich ohne Autoprüfung bin sozusagen festgesteckt.

Konnte man denn etwas unternehmen in Pella?

Pella selbst war wunderschön, aber man konnte nicht viel machen, dadurch dass es sehr klein war. Das Meiste habe ich jetzt halt verpasst, all die Sommerevents und Schwimmbäder.

Wie war die High School für dich?

Das war sehr toll, die Leute waren alle sehr offen und haben mich sofort zum Volleyball-training eingeladen. Jedoch war ich sehr schlecht und meine Trainierin sagte: „Du wirst zwar kein Profi, aber du hast es versucht!“.

Wie war das Leben in der Gastfamilie?

Sehr anders als in der Schweiz. Meine Gasteltern waren Älter und hätten meine Grosseltern sein können. Aber wir hatten eine super Beziehung, sie waren witzig und sehr freundlich. Und sie hatten einen Hund und ich liebe Hunde! Aber sie waren auch streng, ich musste zum Beispiel um 22:00 Uhr mein Handy abgeben, das war ich von zu Hause nicht gewohnt.

Dann ging es etwa ein halbes Jahr bis man das vom Corona-Virus hörte. Wie hast du das erste Mal davon erfahren?

In den „News“. Bis etwa 2 Wochen bevor ich gegangen bin war es immer in den „News“ und es wurde halt immer schlimmer, und man sah wie die Fallzahlen stiegen. In Iowa war eigentlich fast nie davon die Rede. Anfang März hatte es etwa drei Fälle.

Hattet ihr dann auch Restriktionen in der Schule oder zwischen den Leuten?

Eigentlich nicht, wir hatten ganz normal Schule. Und dann kamen halt die Frühlingsferien, da haben sie (die Behörden) gesagt, sie beobachten es. Sie sagten, sie können nicht versprechen dass der Schulbetrieb weitergeht. In dieser ersten Woche der Ferien kam dann auch der Shutdown. Am Mittwoch habe ich dann erfahren, dass ich nach Hause muss und am nächsten Mittwoch bin ich geflogen. Das alles passierte innert zwei Wochen.

Wie war das für dich als du erfahren hast dass du so plötzlich nach Hause musst?

Es fiel mir sehr schwer, ich konnte meinen Freunden nicht tschüss sagen. Auch weil mein Gastvater ein Risikopatient war. Ich konnte mich von niemandem verabschieden, nur schreiben, aber das ist halt nicht dasselbe. Ich habe mich eigentlich das ganze Jahr auf dieses Quartal gefreut, weil die Tennis-Saison hätte angefangen und ich habe eine Florida-Reise mit meiner Organisation gebucht gehabt. Natürlich auch Prom, Graduation, das fiel alles ins Wasser für mich. Meine Mutter wäre mich abholen gekommen und wir wären dann noch eine Woche nach New York. Das hat jetzt alles nicht geklappt.

Donald Trump wurde ja heftig für sein Krisenmanagement kritisiert, wie hast du das im Land miterlebt?

Trump meinte halt die ganze Zeit es passiert nichts und die meisten haben das auch geglaubt. Sie haben sich keine Sorgen gemacht, es war kein Thema. Am Schluss gab es ein paar die sagten, er habe zu spät mit Massnahmen reagiert.

Wie hast du die Beziehung vom Volk zum Staat in dieser Situation erlebt?

Es wurde eigentlich gar nicht darüber geredet. Jedoch hat zum Beispiel jemand aus der Regierung gesagt: „Geht einkaufen! Es ist wirklich schlimm.“ Und dann gingen alle Einkaufen. Sie haben wirklich immer das gemacht, was ihnen gesagt wurde. Die Regale waren alle leer. Teilweise gab es fast Schlägereien um WC-Papier.

Und du musstest plötzlich nach Hause.

Ja, niemand wusste etwas. Es war ein bisschen wie von 0 auf 100, und dann musste ich gehen.

Wie war die Reaktion deiner Familie?

Es war schon ein Schock, aber meine Eltern waren froh dass ich nach Hause kommen konnte. Meine Oma aus der Schweiz ist besonders froh, dass ich wieder hier bin, sie hat sich Sorgen gemacht.

10 Stunden wartete Pascale in New York auf ihren Anschlussflug.

Und dann kam die grosse Reise…

Genau. Die Enttäuschung war wirklich sehr gross. Während dem Heimflug ging es, aber als ich erfahren habe dass alle meine weiteren Reisen nicht stattfinden werden war ich schon sehr traurig. Am Flughafen habe ich mich dann auch sehr alleine gefühlt, ich musste 10 Stunden in New York warten und war wirklich einfach alleine dort. Es war sehr anstrengend aber ich war froh konnte ich nach Hause. Zum Beispiel gibt es immer noch Austauschstudenten aus China die dort bleiben müssen, da die Grenzen komplett zu sind.

Was nimmst du mit aus deinem Austausch?

Natürlich viel aus der Sprache. Ich bin aber auch sehr viel selbständiger geworden, und offener. Früher war ich immer ein bisschen in meiner Gruppe und jetzt hat sich das glaube ich schon verändert.

Pascale und der Hund der FAmilie.

Zum Schluss: Vermisst du etwas aus den USA?

Ich vermisse die Schule. Es war einfach easy, ich hatte schon zu tun mit den Hausaufgaben aber einfach keinen Stress. Und natürlich alle meine Freunde, die Familie und den Hund.

Vielen herzlichen Dank Pascale!


Von Désirée Draxl


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