Stillgeschwiegen und ignoriert

Von Madleina Lerch

Vor einiger Zeit musste ich für den Deutschunterricht, wie es an der Kanti so üblich ist, wieder einmal ein Buch lesen. Statt dass wir aber etwas vorgehalten bekamen, durften wir diesmal selbst aussuchen – Super, dachte ich mir! Ich schnappte mir einen Krimi «Fremde Hände» von Petra Ivanov, endlich etwas Spannendes. Wie es aber an der Kanti so üblich ist, mussten wir das Buch nicht einfach nur lesen, sondern selbstverständlich noch etwas tun: Charakterisierungen, Rezensionen, Analysen und so weiter. Aber wie schon bei der Auswahl, hatten wir hier etwas Freiheit. So kam es, dass ich im Verlauf der Arbeit begann, mich mit einem zentralen Thema aus dem Buch genauer auseinander zusetzten: Frauenhandel.

Der folgende Artikel ist eine Erläuterung meiner Recherche und eine kleine Zusammenfassung, für die, die das Buch vielleicht lesen wollen und noch nicht überzeug sind – Ich kann es nur empfehlen!

«Wenn du einen dunklen Mercedes siehst, renn einfach weg!»

Mit diesen Worten leitet Petra Ivanov den Leser auf eine Reise durch eine düstere Realität. Der Kriminalroman spielt im Zürcher Rotlichtmillieu und erzählt das Schicksal zweier Frauen, die in die Fänge von Frauenhändlern geraten sind. In einer Müllverbrennungsanlage wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Bezirksanwältin Regina Flint und der Kriminalpolizist Bruno Cavalli ermitteln in dem Fall. Zwischen den beiden entflammt eine alte Liebe langsam neu.

Soviel zum Inhalt.

Als ich mit lesen fertig war, begann meine Recherche. Und das erste was ich herausfand, erschreckte mich ziemlich:

Fremde Hände ist der erste Roman von Petra Ivanov und entstand aus einer Misslage heraus. Die Freude am Schreiben hatte sie schon früh entdeckt. Während ihrer Tätigkeit beim HEKS, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz, begann Ivanov, die ihre Kindheit in den USA verbrachte, auch auf Deutsch zu schreiben. Als Redakteurin gehörten Recherchen zu konkreten Themen im In- und Ausland zu ihrem Alltag. Nach einem längeren Aufenthalt in Albanien, wo sie erstmals mit Opfern von Menschenhändlern Kontakt hatte, musste Ivanov mit Schrecken feststellen, dass die Medien sich für das Thema schlicht nicht interessierten. Es sei zu wenig neu oder einfach nicht lokal genug. Doch statt diese Reaktion einfach so hinzunehmen, schrieb sie kurzerhand innerhalb eines halben Jahres «Fremde Hände».

Als Teil einer Schülerzeitung und somit einem Medienteil, sehe ich es als Aufgabe die Miesere zu beheben. Denn wie ich feststellen musste, ist Frauenhandel nicht einfach ein Thema, dass es hier, in der Schweiz, in Wil nicht geben würde – es ist, wie so oft einfach stillgeschwiegen.

Fremde Hände – Ein spannender Einblick in die Problematik Menschenhandel

„Der Krimi „Fremde Hände“ von Petra Ivanov beschreibt das Schicksal einer von mehr als 1500 Prostituierten der Stadt.“[1]

Laut internationalen Rechtsdokumenten spiegelt sich Menschenhandel in drei Hauptmerkmalen wider. Aktion, Mittel und Zweck. Unter Aktion versteht man Rekrutierung, Transport, Transfer, Beherbergung und die Annahme von Menschen. Unter Mittel versteht sich die Gewalt, Täuschung, Drohung, Ausnutzung von Hilflosigkeit und Zwang. Und unter Zweck versteht man die sexuelle Ausbeutung, Ausbeutung der Arbeitskraft und die Entnahme von Organen. In erster Linie handelt es sich bei Menschenhandel um eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine Straftat.

«Wenn sich eine Person aufgrund falscher Versprechungen auf die Migration und/oder eine Arbeitsstelle eingelassen hat (Aktion), wenn sie Schulden oder überhöhte Vermittlungssummen abzahlen muss und durch Drohungen und Gewalt in einer Zwangslage gehalten wird (Mittel), wenn ihre Arbeitskraft etwa in einem Privathaushalt oder in der Sexindurstrie ausgebeutet wird (Zweck), dann liegt Menschenhandel vor.» [2]

Zahlen, Fakten und das Problem:

Abb1: Zeigt die niedrige Verurteilungsrate bei Makasiifällen. Makasi ist die Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel. Wenn ein solcher Fall vor Gericht kommt, dient Masaki mit ihrem Fachwissen zur Unterstützung der Opfer und Justitzbehörden.[5]

In der Schweiz wurden im Jahr 2019 insgesamt 255 Fälle von Menschenhandel betreut, 2018 waren es noch 30 Fälle weniger. Unbedingt zu beachten ist die hohe Zahl der Dunkelziffern vor allem bei nicht betreuten Fällen. Die Opfer stammen meist aus Drittweltländern. Unter anderen auch Nigeria, Rumänien, Ungarn und Afghanistan. Bei 169 von den 255 Fällen handelte es sich um Frauen.[3] Erschreckend sind auch die Zahlen, bei denen es sich bei die Betroffenen um minderjährige Mädchen sind. UNICEF geht davon aus, dass fünfzig Prozent Opfer von Menschenhandel, minderjährig sind. [4]

Eine weitere schockierende Zahl, ist die niedrige Verurteilungsrate in Fällen von Menschenhandel.

Die FIZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenimigration) stellt regelmässig Informationen zu dieser Thematik zusammen und setzt sich für mehr Rechte auf der Opferseite ein.

Für die niedrige Verurteilungsrate gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist das sogenannte Dublin-Verfahren. Wenn ein Flüchtling in der Schweiz Asyl beantragt, wird es in das Land zurückgeschickt, indem es als erstes einen Antrag auf Asyl gestellt hat. Somit werden viele Opfer ausgeschafft bevor ihnen geholfen werden konnte. Wenn ein Verdacht auf eine Straftat vorliegt, muss zuerst überprüft werden, ob diese in der Schweiz geschah. Wenn nicht, werden die Opfer unverzüglich ausgeschafft, dies ist auch bei Verdacht auf Menschenhandel so. Wenn tatsächlich eine Straftat in der Schweiz erfolgt ist, wird den Opfern meist eine Frist von 30 Tagen gesetzt, in denen sie die Möglichkeit haben, mit den Behörden zu kooperieren. In diesem Zusammenhang muss auch das Risiko angesprochen werden, dass Frauen und Mädchen eingehen, wenn sie eine Aussage machen, dabei spielt oft das private Umfeld der Opfer eine grosse Rolle, ohne dessen Unterstützung ist es für die Opfer besonders schwierig. [6] Auch fehlt in vielen Fällen die psychische Betreuung, denn oft werden die Opfer durch die Täter illegalisiert und landen selber im Gefängnis, und ein Gefängnis ist in keinster Weise der Richtige Ort für Menschen mit schweren Traumata, die eigentlich Opfer sind.

Doch das ist nicht alles, auch der ungenügende Opferschutz spielt zum Problem bei. Opfer von Frauen und Mädchenhandel sind schwer traumatisiert, geschwächt, psychisch wie auch physisch, und haben Mühe Vertrauen zu fassen. Es fehlt vor allem die Zeit Opfer über ihre, äusserst wenigen Rechte, aufzuklären, geschweige denn, eine Vertrauensbasis zu den Opfern aufzubauen, auf der gebaut werden könnte. Und wenn es dann zu einem Gerichtsverfahren kommt, werden die Opfer meist nach ihrer Aussage in ihr Heimatsland ausgeschafft, wo das Trauma seinen Lauf nimmt. In den seltensten Fällen kann wirklich langfristig geholfen werden.

Abb 2: Zeigt die Herkunft der Opfer deren Fälle durch Masaki betreut wurden, ausserdem die Art des Vergehens und weitere Fakten
Abb 3: Zeigt die Verteilung der Opfer auf die Kantone, eine Häufung ist vor allem im Kanton Zürich ersichtlich[7]

[1] Pressestimmen zu Fremde Hände, 3sat, Kulturzeit, 21. August 2009, https://www.petraivanov.ch/Fremde-Haende.25.0.html

[2] Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Factsheet Frauenhandel, Mai 2017, https://www.fiz-info.ch/images/content/Downloads_DE//Downloads_Frauenhandel/FH_Factsheet.pdf, Abgerufen 9. Juni 2020

[3] SRF 4 News, Rekordzahlen beim Menschenhandel in der Schweiz, 11.5.2020, sda/bers;blac, https://www.srf.ch/news/schweiz/jahresbericht-2019-rekordzahlen-beim-menschenhandel-in-der-schweiz, Abgerufen 9. Juni 2020

[4] Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Rundbrief 50, Der Handel mit Mädchen, Mai 2012, https://www.fiz-info.ch/images/content/Downloads_DE/Publikationen/Rundbriefe/RB_50.pdf

[5] Fachstelle Frauenhandel und Frauenimigration, Rundbrief 47, Die Rolle der Justiz S.5, November 2010, https://www.fiz-info.ch/images/content/Downloads_DE/Publikationen/Rundbriefe/RB_47.pdf

[6] Fachstelle Frauenhandel und Frauenimigration, Rundbrief 47, Die Rolle der Justiz S.5, November 2010

[7] Fachstelle Frauenhandel und Frauenimigration, Jahresbericht 2019, S.7, https://www.fiz-info.ch/images/content/Downloads_DE/Publikationen/Jahresberichte/FIZ_Jahresbericht_2019_digital.pdf

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