Gewinnertext Deutsch


Désirée Draxl

Juri kann fliegen

Die Tür schlägt zu, wirbelt Staub auf, bedeckt die verdreckten Fensterscheiben mit noch mehr Steppe. Ich rümpfe die Nase. Steppe soweit das Auge reicht, der Himmel scheint direkt in den trockenen Boden überzugehen. Kein Horizont.  

«Anna, jetzt komm endlich.» Seine Stimme dringt nur gedämpft durch das alte Blech des Autos. Die Tür quietscht protestierend als ich sie mit einem kräftigen Ruck zurückdränge und wieder zuknalle. Einmal, zweimal, bis es hält.

Er ist schon vorausgegangen, den Kopf gesenkt, in sich versunken auf den Hangar zu. Seine Kapuze hat er hochgeschlagen, die Schultern nahe an den Ohren; er schaut weder links noch rechts. Er ist anders. Anders als ich, anders als jeder. Nur darum bin ich hier.

Im Dorf schweigt man über diese Gebäude. Sie scheinen aus dem Boden zu wachsen, so zugewuchert sind sie bereits. Wie riesengrosse abgebrochene Zähne in einem toten Mund, auf dem nackten Schädel dieser wüsten Trostlosigkeit thronen sie, diese Zeugnisse einer anderen Zeit, dieser nicht allzu weit entfernten Vergangenheit.

Niemand kommt mehr hierher. Nur Juri. Denn Juri sucht. Ein Leben, eine Zukunft. Und er weiss so gut wie ich, dieses Dorf bietet ihm das nicht. Deshalb greift er nach den Sternen. Deshalb traut er sich als Einziger, das Militärgebiet zu betreten.

Es sind nur zehn grosse Schritte und als ich die kleine Kluft in der grauen Betonwand erreiche, seine schwarze Jacke bereits darin verschwinden sehe, tue ich es ihm nach.

Langsam schiebe mich durch die Spalte, spüre wie meine Füsse auf der metallenen Rüstung auftreffen. Ich lasse mich darauf sinken bis ich neben ihm stehe. Erst jetzt, nach einem zweiten zittrigen Atemzug wage ich den Blick zu heben.

Ich stehe in einer riesigen Höhle aus Beton, brüchig, bröcklig und gesprengt, weiss und grau, von Licht auseinandergedrängt klaffen Löcher in den Wänden. Ein Teil des Daches fehlt und bedeckt den Boden mit Schutt, Staub tanzt im kühlen Licht der untergehenden Sonne. Erst als ich die Hand auf die Reling des Gerüstes lege, welches den ganzen mittleren Teil des Hangars umgibt wie eine Tribüne an allen vier Wänden, mein Hals ein bisschen nach vorne recke, erst dann entdeck’ ich sie.

Sie steht im Halbdunkeln, in ihrer ganzen Länge alt und von Dreck bedeckt. Einzelne bleichrote Elemente weisen auf ihre sowjetische Heimat hin, ihre Flügel sind nach hinten gerichtet; bereit zu fliegen, bereit, die Sterne zu berühren. Fast wartend liegt sie da, unfähig sich zu bewegen. Sie wird niedergedrückt vom Verfall und einer düsteren Hoffnungslosigkeit, die allem hier innewohnt.

 «Sie war nicht gut genug.» er wiederhallt dunkel an den steinernen Wänden. «Die Spaceshuttle kopieren», er lacht bitter, «Was haben sie sich nur dabei gedacht.»

Eine Wut liegt in seiner Stimme, jene, die ich bereits von meinen Eltern kenne. Die Enttäuschung einer gesamten Generation in Baikonur. Obwohl ich zum ersten Mal hier stehe, verstehe ich plötzlich. Sie ist die Stille aus dem Dorf. Sie ist das Schweigen der Alten, die sie gebaut und geboren haben und das Überbleibsel eines Regimes, welches in sich zusammenbrach. Kein Mitglied des Militärs wurde jemals so ungebührend begraben wie die Buran, obwohl sie ihren Dienst getan hat. Stattdessen verrottet ihr Skelett im Licht und Wetter eines Himmels, den sie nie erreichte.

Ohne nachzudenken schwing ich mich über die Reling. Als ich die Shuttle erreiche hör ich Juri nur weit entfernt meinen Namen rufen.

«Lass das Anna, komm zurück.»

Ich recke mich, spüre das kalte Metall unter meinen Fingern.

«Sie sagen sie war besser als die Space Shuttle, obwohl sie nur eine Kopie war. Sie ist geflogen, wie ein Phönix aus dem Feuer, weiter, immer weiter bis sie im Himmel verschwand. Und als sie auf die Landebahn sank, anmutig, so als hätte sie die Sonne nicht an diesem Tag das erste Mal gesehen; da haben wir alle gesehen, zu was wir fähig sind. Diese hier, hat es nicht so weit geschafft. Sie ist nie geflogen. Aber ich weiss sie könnte, hätte man ihr mehr Sorge getragen.»

«Ich will hier weg, Anuschka. Nichts lebt hier. Nicht einmal wir.»

Ich springe über einen kleinen Vorsprung an die Seite des Flügels, recke mich noch ein wenig weiter nach oben. Dann schreib ich mit dem Finger in den Staub:

Juri kann fliegen.

Und darunter: Anuschka auch.

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